
Das Leben leben
Hoffnung in Zeiten der Krankheit
Wenn Krankheit das Leben erschüttert und Krankenhausaufenthalte zur neuen Realität werden, ist Hoffnung oft das Einzige, was trägt. Sie ist kein naiver Trost, sondern eine innere Kraftquelle. Hoffnung bedeutet, trotz Schmerz und Unsicherheit an Möglichkeiten zu glauben: an Heilung, an Sinn. Sie entsteht in Gesprächen, in Gesten, in Momenten der Stille. Und sie zeigt sich dort, wo Menschen sich nicht aufgeben – sondern das Leben neu in die Hand nehmen.
Eine Krankheitsdiagnose ist ein Einschnitt. Für viele zerfällt das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“. Pläne zerbrechen, der Alltag verliert seine Selbstverständlichkeit. Angst, Unsicherheit, Sprachlosigkeit – all das gehört dazu. Doch es wächst auch etwas, das trägt: Hoffnung. „Das Bewusstwerden von ich lebe und dass ich viele Anteile in mir habe, die Leben sind – und nicht nur den Krebs – war für mich eine zentrale Erkenntnis“, sagt Univ.-Doz. Dr. Ansgar Weltermann, Leiter des Tumorzentrums am Ordensklinikum Linz. Er kennt die Krankheit von zwei Seiten: als Facharzt für Hämatologie und Onkologie und als Patient. 2011 erhielt er selbst die Diagnose Blutkrebs. Ein Zufallsbefund, der sein Leben veränderte. Hoffnung ist für ihn kein naives Vertrauen, kein bloßes „Wird schon wieder“. Sie ist eine Haltung, die sich aus vielen Quellen speist, jedoch drei im Besonderen: aus medizinischem Fortschritt, persönlicher Klarheit und menschlicher Nähe.
Die Medizin schenkt Zeit
Noch vor wenigen Jahrzehnten bedeuteten viele Krebsdiagnosen ein rasches Ende. Heute gelingt es zunehmend, Tumorerkrankungen zu behandeln, sie zu kontrollieren, manchmal sogar dauerhaft zu heilen. „Das Paradebeispiel ist die chronisch-myeloische Leukämie“, erklärt Weltermann. „Früher lag die Lebenserwartung bei drei Jahren. Heute reicht eine Tablette pro Tag, und die Betroffenen haben dieselbe Lebenserwartung wie Menschen ohne diese Krankheit.“ Auch andere Krebsarten lassen sich inzwischen oft über viele Jahre stabilisieren. Sie werden zu chronischen Begleitern. Das schenkt Hoffnung – nicht in der Illusion, die Krankheit sei verschwunden, sondern in der Gewissheit, mit ihr leben zu können. Doch Hoffnung wächst nicht allein aus Medikamenten. Sie entfaltet sich dort, wo Betroffene das Steuer nicht aus der Hand geben. „Nicht die Erkrankung managt mich, sondern ich manage die Erkrankung“, so beschreibt Weltermann die innere Haltung, die ihm selbst half. Er rät seinen Patient*innen, der Krankheit einen klaren Platz zu geben: sich bewusst Zeit dafür zu nehmen – aber nicht das ganze Leben davon beherrschen zu lassen. Zwei Stunden am Tag für Arzttermine, Informationen, Sorgen. Doch die übrigen 22 Stunden: für das Leben. Aus seiner persönlichen Erfahrung hat er eine weitere Erkenntnis gezogen: Wünsche nicht aufschieben. „Früher hätte ich gesagt: Das kann ich später noch machen. Heute sage ich: Wenn ich etwas will, dann mache ich es jetzt.“ Hoffnung heißt hier: den Augenblick ergreifen, statt sich von einem ungewissen Morgen lähmen zu lassen.
Die Kunst, schwere Zeiten zu überstehen, liegt darin, die Hoffnung nie zu verlieren.
Beziehungen tragen
Hoffnung hat viele Gesichter, aber selten ist sie allein. Sie lebt von der Nähe anderer Menschen. Ärzt*innen und Pflegekräfte, die zuhören, erklären und begleiten. „Je besser ein Patient versteht, warum eine Behandlung notwendig ist und was sie bedeutet, desto besser kann er mitgehen“, betont Weltermann. Hier wird die Kraft der Kommunikation sichtbar. Wer die eigene Situation nachvollziehen kann, findet leichter den Mut, den Therapieweg mit Ärzt*innen und Pflegenden gemeinsam zu gehen. Auch die Krankenhausseelsorge bietet als Unterstützung seelsorgliche Begleitgespräche, religiösen Beistand, Unterstützung auch für Angehörige in Krisensituationen, Spiritualität über Konfession hinaus und Räume der Stille sowie spirituelle Angebote. „Es hat mir gut getan.“ Diesen Satz höre ich oft nach einem Gespräch. Gerade in anspruchsvollen Lebensphasen ändern sich die Bedürfnisse vieler Menschen. Sie haben den Wunsch, ihr Leben zu reflektieren, einen tieferen Sinn zu suchen, Orientierung zu finden“, erklärt Sr. Rita Kitzmüller, Leiterin der Krankenhausseelsorge im Ordensklinikum Linz Elisabethinen. Sie beschreibt, wie sehr das einfache Dasein und Zuhören, das Raumgeben für Gefühle und Fragen, ein Geschenk sein können. Auch für Anna Köck, Leiterin der Seelsorge im Franziskus Spital in Wien, steht die Hoffnung, die sie in ihren Gesprächen mit Patient*innen verspürt, in direkter Verbindung mit dem Vertrauen zu Gott und damit der Option, die Situation annehmen zu können. Und daraus einen Perspektivenwechsel zu vollziehen.
Schwerer Krankheit einen Sinn abzugewinnen, klingt widersprüchlich. Und doch berichten viele Betroffene davon, dass die Diagnose ihnen etwas geschenkt hat, das sie sonst nie erfahren hätten: Klarheit über das Wesentliche, Dankbarkeit für das, was bleibt, Mut, das Leben bewusster zu gestalten. „Die Erkrankung hätte nicht sein müssen, aber sie hat mir etwas mitgegeben, was ich sonst nie bekommen hätte“, sagt Weltermann. In der Fachsprache spricht man von „Salutogenese“ – der Fähigkeit, auch in der Krise nach Kräften zu suchen, die gesund erhalten. Hoffnung ist in diesem Sinn nicht das Gegenteil von Realität, sondern ihre Vertiefung: das Entdecken von Licht im Dunkeln.
Eine Haltung für das Leben
Hoffnung bei schwerer Krankheit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit und eine Haltung zum Leben. Sie bedeutet, das Jetzt nicht aufzugeben, sondern es zu nutzen. Sie entsteht, wenn wir trotz aller Einschränkungen erkennen: Ich bin mehr als meine Krankheit und richte meinen Blick nicht auf das, was verloren geht, sondern auf das, was bleibt. Das Leben wieder in die Hand nehmen, gesund zu werden oder positiv in die Zukunft zu gehen – Wünsche, die durch Hoffnung geweckt werden und mit einer hoffnungsvollen, vertrauenden Grundhaltung auch in Erfüllung gehen können.
E. BLOHBERGER
Thema Hoffnung bei Veranstaltung im Franziskus Spital
und zeigt, wie ein Perspektivenwechsel Kraft für neue Wege schenkt.
Unter dem Leitmotiv „Die Hoffnung nie aufgeben“ stehen auch das Leben und die Erfolge des Paraschwimm-Medaillengewinners und ORF-Sportmoderators Andreas Onea. Bei seinem Vortrag Ende September im Franziskus Spital fand Andreas Onea inspirierende und klare Worte zum Thema „Hoffnung“. Ein Thema, das die Wertegruppe des Spitals bei der Organisation des Vortrags- und Diskussionsabends im Rahmen der jährlich stattfindenden Franziskus-Woche in den Mittelpunkt gestellt hatte.
Mit sechs Jahren war Andreas Onea bei einem Autounfall beteiligt. Sein Vater verliert unverschuldet die Kontrolle über den Wagen, das Auto überschlägt sich, Onea wird aus dem Wagen geschleudert. Und verliert dabei einen Arm. Vater und Mutter sind schwer verletzt, das Leben der aus Rumänien stammenden und in Österreich ansässigen Familie ist zerstört. Und dennoch: Der Wille weiterzuleben ist stärker und wird aus der Hoffnung, dass sich ein Weg finden wird, genährt.
Andreas Onea hat sein Leben in die verbliebene Hand genommen. Auf Gott vertraut, die Hoffnung nicht aufgegeben und einen Perspektivenwechsel vollzogen. Sich gefragt: „Schaue ich nur auf das, was weh tut? Oder schaue ich auf das, was möglich ist? Suche ich Lösungen? Bin ich dankbar?“ Mit diesem Mindset wurde er Profisportler, gewann 12 Medaillen bei Großereignissen im Schwimmen, war 5 mal bei den Paralympics am Start. Und moderiert regelmäßig die ORF-Kurzsportnachrichten im Hauptabendprogramm.
Dass Hoffnung viel bewirkt und eine wichtige Haltung im Spitalsalltag darstellt, das konnten auch die Teilnehmenden im anschließenden Podiumsgespräch bestätigen. OÄ Dr.in Luise Enzenberger, seit 28 Jahren im Franziskus Spital tätig, konnte in all den Jahren viele hoffende Patient*innen begleiten, die durch den positiven Blick in die Zukunft viel aktiver und motivierter an ihrer Genesung beteiligt waren.
Sind Patient*innen der Palliativstation hoffnungslose Fälle? Diese Frage konnte Felix Blum, DGKP auf der Palliativstation, im Gespräch klar verneinen. Denn wenn es darum geht, das Leben trotz unheilbarer Krankheit lebenswert zu gestalten, dann spielen die Hoffnungen der Patient*innen und des gesamten Teams der Palliativstation eine große Rolle.
M. VOGL
Weiter zum nächsten Artikel >>
<< Zurück zur Übersicht